Ausnahmezustand in Montego Bay / St. James – ODER: Lang lebe der Schwachsinn!

By Frank | all

Jun 14
Das Auswärtige Amt besitzt ein besonderes Talent, uninformierte Bürger künstlich in Angst und Schrecken zu versetzten. Durch völlig realitätsfremde Hinweise und Meldungen zeichnet es ein Bild von einer „Gangster-Insel“, auf der die Chancen gut stehen, an jeder Ecke ausgeraubt oder gar umgebracht zu werden.
Hier einige Zitate: (Quelle: www.auswaertiges-amt.de)
„Für St. James Parish und damit auch für Montego Bay wurde infolge zahlreicher krimineller Schießereien und Morde der Notstand mit erweiterten Befugnissen für die Einsatzkräfte der Polizei mit Unterstützung des Militärs u.a. für Personen- und Fahrzeugkontrollen ausgerufen, der erneut bis 2. August 2018 verlängert wurde. (…)“
„In den letzten Jahren gab es vereinzelte Überfälle auf Busse bei Überlandfahrten. Daneben ist Raub mit Körperverletzung im Zusammenhang mit Marihuanakonsum und -handel an der Tagesordnung. Häufig sind junge Touristen betroffen. Es sind Fälle bekannt, in denen Drogenhändler und Polizisten naiven Touristen gemeinsam Fallen stellten. (…)“
Ein bitterer Nebeneffekt dieser Informationen ist natürlich der Rückgang des Tourismus, der vielleicht den großen Hotel-Ketten weniger schadet, als den Inselbewohnern, die ihr Geld hauptsächlich durch Tourismus verdienen.
Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass der Verfasser dieser Nachrichten selbst noch nie auf der Insel gewesen ist und sich auch nicht ausgiebig mit der wahren Situation vor Ort, der Kultur und den dort lebenden Menschen beschäftigt hat. Diese Nachrichten werden augenscheinlich ohne entscheidende Hintergrundinformationen veröffentlicht.
Mit etwas mehr Recherche zum Thema wüsste auch das Auswärtige Amt: Der Tourismus ist bis heute weder zu irgendeinem Zeitpunkt jemals in Gefahr gewesen, noch gab es irgendeine Art von Spannung oder andere Gründe, durch die ein Tourist seine Reiseabsicht überdenken hätte müssen. Zu keiner Sekunde war es in St. James bzw. Montego Bay anders als alle anderen Monate und Jahre zuvor.
„Die Hauptverbindung zwischen dem Flughafen Montego Bay und den Piers mit den Kreuzfahrtschiffen wird besonders überwacht und gilt als sicher.“
 
Leider hat man ja oft keine andere Wahl als dem Auswärtigen Amt blind zu vertrauen. Um die Warnung noch mehr zu dramatisieren, wird geschrieben, dass die Wege zum Hafen und zum Flughafen jedoch sicher wären, da dort besonders Polizei und Militär dafür sorgen tragen. Was lässt sich aus dieser Aussage denn nun ableiten? Dass es nur dort sicher ist und man sich im Rest der Insel in Lebensgefahr begibt? Absoluter Unsinn!
Zudem leben Medien in erster Linie davon, negative Nachrichten zu verbreiten und sie entscheiden auch wie man euch darüber informiert. Die Wirklichkeit ist leider – oder auch Gott sei Dank – oft nicht so wie sie von den Medien dargestellt wird.
WAS TATSÄCHLICH PASSIERT
Man redet immer von der hohen Mordrate. Es ist korrekt, dass die Zahl der Morde in unserem Gebiet enorm angestiegen war. Das Auswärtige Amt verliert jedoch kein einziges Wort darüber, wie es zu diesen Zahlen kommt und genau das ist der Punkt, an dem es sich in einer unerträglich dilettantischen Art und Weise verhält.
WIE KOMMEN DIESE ZAHLEN ALSO ZUSTANDE?
Nicht ganz zwei Drittel der Morde gehen auf die Tatsache zurück, dass es Verbrechen sind , die innerhalb rivalisierender Gangs begangen werden. Die Opfer sind zum Großteil Leute, die im berühmten „Scam Business“ involviert sind. Dieses Business ist so ziemlich am Ende angekommen und jetzt gehen in den nächsten Monaten bis zu 5000 Menschen von Jamaika in die USA ins Gefängnis. Die Jungs, die in dieses Business involviert waren und sind, stellen jetzt als potentielle Zeugen natürlich für andere Täter eine große Gefahr dar und werden nicht selten von eben diesen „beseitigt“. Daher werden viele von ihnen ermordet aufgefunden.
Das organisierte Verbrechen hat den Tourismus jedoch nicht auf dem Schirm, wie man heutzutage so schön sagt. Es gab nur einmal so um die Mitte der 90er Jahre eine Phase, wo Touristen Opfer von Überfällen wurden, weil damals an den Nummernschildern der Leihautos RR stand. Sie wurden in der Regel „nur“ ausgeraubt und nicht wie in Miami auch noch erschossen wurden.
VON KINGSTON NACH MONTEGO BAY
Das organisierte Verbrechen war eigentlich immer überwiegend in Kingston zu Hause. Der neue Polizei Chef hatte dort allerdings so gute Arbeit geleistet, dass er die Verbrecher dazu brachte, aus der Hauptstadt zu fliehen. Diese suchten sich dann leider Mo-Bay als ihre neue Basis aus. Viele davon wurden allerdings, wie oben schon erwähnt, bereits zur Strecke gebracht.
ZIVILER AUSNAHMEZUSTAND
Damit das Militär sich offiziell an der Verbrecherjagd beteiligen darf, musste der zivile Ausnahmenzustand ausgerufen werden. Das war der eigentliche Grund. Nicht, weil es hier irgendwie um Leben oder Tod für die Bevölkerung ging oder der Tourismus gefährdet gewesen wäre.
AUSWIRKUNGEN AUF DEN TOURISMUS
Der Tourismus ist von der Situation kaum betroffen. Lediglich Öffnungszeiten haben sich verändert, je nachdem um welche Art Geschäft es sich handelt. Restaurants wie zum Beispiel das Pier 1 müssen um Mitternacht schließen, Tankstellen (so weit ich informiert bin) um 22:00 Uhr und die „normalen“ Geschäfte um 20:00 Uhr. Das war es auch schon. Ansonsten befinden sich in bestimmten ausgewählten Bezirken von Montego Bay die Polizei und das Militär um diese Bezirke abzuriegeln. Jeder, der rein oder raus will muss an ihnen vorbei. Alles läuft ohne große Aufregung ab. Ich fahre fast jeden Tag in die Stadt und alles ist wie immer.
Hier sei noch hinzugefügt: Die Polizei und das Militär sind oberfreundlich. Die Bevölkerung steht fast zu 100 Prozent hinter dieser Aktion, ebenso die Geschäftswelt. Bis jetzt hat diese Aktion schon viele Erfolge erzielen können. Wenn man nicht aus den Nachrichten das alles erfahren hätte, würde man nichts davon bemerken. Das Leben in Mo-Bay hat sich nur in ein paar Gegenden für die Einwohner (und nicht für die Touristen) vorübergehend verändert – jedoch zum Positiven, da dort die Polizei und das Militär für Sicherheit sorgen.
ZURÜCK ZUM AUSWÄRTIGEN AMT
Man darf halt von der heutigen Generation Beamte einfach nichts mehr erwarten. Wie auch, wenn man vom Kindesalter bis zum Erwachsenenalter nur die Schulbank im Leben kennen gelernt hat. Schade, dass ihr, die gerne nach Jamaika reist und wir, die in Jamaika leben, durch das Auswärtige Amt künstlich zu Opfern gemacht wurden. Lang lebe der Schwachsinn!
 
Vielleicht sollte man sich in Deutschland endlich mal angewöhnen, nicht nur das, was das Auswärtige Amt schreibt als Informationsquelle zu benutzen, sondern auch mal mit anderen Nachbarländern wie der Schweiz oder Österreich zu vergleichen, um zu sehen, was die zum gleichen Thema von sich geben. Es ist immer ein Fehler, nur einer Informationsquelle blind zu glauben.
EINE BITTE AN EUCH
Es wäre nur zu schön wenn die Leute, die sich in den letzten Monaten in St. James / Montego Bay aufhielten, dazu auch ihr Statement abgeben würden. Ihr habt die Realität vor Ort selbst erlebt und könnt das, was das Auswärtige Amt schreibt bestätigen – oder dementieren.
Krieg in Negril
 
Ganz am Ende noch ein kleines Beispiel dafür, wie die Medien gerne Jamaika in einem schlechten Licht dastehen lassen.
Es war einmal so um das Ende der 90er Jahre. Um etwa 3:00 Uhr morgens wurde am östlichen Rande von Negril ein Schusswechsel zwischen zwei Jamaikanern von einer einzelnen Person bemerkt. Dieser Mann hatte den Vorfall an die internationalen Medien weitergeleitet. In Deutschland stand am übernächsten Morgen in manchen berüchtigten Zeitungen zu lesen: „Krieg in Negril“.
Ich selbst lebte und arbeitete zu diesem Zeitpunkt in Negril. Die Verwandten der Touristen, die sich gerade in den Hotels in Negril befanden, riefen dort natürlich besorgt an, um sich zu erkundigen, ob alles in Ordnung wäre. In Negril wusste zu diesem Zeitpunkt jedoch niemand von dem Vorfall. Man versteht eben unter dem Begriff „Krieg“ etwas anderes, als wenn sich zwei Deppen mal in die Wolle kriegen und sich gegenseitig mit einer Pistole beschießen.
So, das soll es gewesen sein. Ich hoffe euch damit ein wenig geholfen zu haben alles ein wenig realistischer einschätzen zu können. Die große Mehrheit der Individualreisenden sagt, dass Jamaika wie immer ohne Probleme zu bereisen ist und die meisten Jamaikaner sehr herzliche Menschen sind. Sie haben sich nie unsicher oder ängstlich gefühlt.

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